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[Review] NIGHTWISH - Imaginaerum

NIGHTWISH - Imaginaerum

Stil: Symphonic Power Metal
Label: Nuclear Blast Records
Songanzahl: 13 Songs
Webseite:

http://www.nightwish.com

Wertung: 15/15 Punkte
Reviewer: Sonata | 5.12.2011
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Wenn man 4 ½ Jahre damit verbracht hat, auf ein Album zu warten, kann der Moment, wo man es wahrhaftig in Händen hält kaum magischer sein. Insbesondere dann, wenn es sich dabei um eine absolute Ausnahmeband handelt, die auf den wunderschönen Namen Nightwish hört. 2007 begann mit Anette Olzon eine neue Ära und was folgte, waren viele Schimpftiraden auf die gebürtige Schwedin. Anders als Tarja Turunen kam sie nämlich nicht mit klassischem Gesang daher, sondern bot viel eher eine kräftige Popstimme, die meines Erachtens nach aber deutlich variabler ist. Dennoch wurde sie oft geschunden für Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann. Aussagen wie „Sie ist nicht Tarja“ waren nicht nur selten dämlich sondern einfach nur unangebracht. Ein Mensch kann den anderen so oder so nicht ersetzen und schon gar nicht dann, wenn dieser Mensch eine Band derart geprägt hat, wie es Tarja auf Alben wie „Century Child“ oder „Once“ getan hat. Anette’s Stand war von Anfang an schwierig, aber viele Anhänger gaben ihr nicht mal eine faire Chance, weil man viel zu sehr damit beschäftigt war, Tarja Turunen nachzuweinen.

Dennoch war der Schritt nötig, um das Schiff nicht sinken zu lassen. Ich muss zugeben, dass ich nie ein großer Tarja Fan war und lange gebraucht habe, um mit ihrer Stimme warm zu werden. Das mag allgemein daran liegen, dass ich kein großer Fan von Operngesang bin. Dennoch muss ich neidlos anerkennen, dass „Once“ ein absolutes Meisterwerk ist, was wir nicht zuletzt Tuomas Holopainen zu verdanken haben. Ich war jedenfalls von Anfang an einer der wenigen, der Anette Olzon sofort ins Herz geschlossen hat und nicht mal ansatzweise an Tarja zurückgedacht hat. Daher konnte ich ihre schlechten Live Kritiken auch nicht wirklich nachvollziehen. In Wacken hat sie für mich eine großartige Performance abgelegt im Jahre 2008. Bei Frauenstimmen bin ich grundsätzlich immer sehr skeptisch, aber diese Frau hat ihren völlig eigenen Stil und ich würde ihre Stimme unter Tausenden sofort wieder erkennen.

„Dark Passion Play“ war der erste Output mit der Schwedin und dieser war allgemein unfassbar erfolgreich und dieser Erfolg gibt der Band mal wieder recht, was definitiv nicht einer kommerziellen Ausrichtung geschuldet ist. Die Band hat sich nach einigen Jahren einfach neu ausgerichtet und will sich selbst verwirklichen, das sollte man tolerieren und vor allem akzeptieren. Man sollte sich nach 6 Jahren endlich damit abgefunden haben, dass Tarja Geschichte ist und Nightwish nun neue Wege beschreiten, die meiner Meinung nach noch viel größer sind, als zuvor. Übrigens macht es Tarja Solo auch nicht wirklich gut, wenn ich das mal so vorsichtig ausdrücken darf...Wie auch immer, nach einer SEHR ausgedehnten Tour wurde es erstmal sehr still um die Finnen mit der Schwedin am Mikro...Anette wurde schwanger, Tuomas werkelte im tiefsten Walde an einem neuen Meisterwerk, während Marco seiner eigenen Band Tarot wieder etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte. Fakt ist, dass man nach der Veröffentlichung von Dark Passion Play nicht 4 ½ Jahre lang rumsaß und die Arbeiten an neuen Songs gänzlich vernachlässigt hat. Tuomas ist ein Visionär, der grundsätzlich IMMER an neuer Musik feilt. Ein Tagträumer, der alles auf sich einfließen lässt und jede Faser des Daseins in sich aufsaugt. Lange wurde das neue Album „Imaginaerum“ angekündigt und am 2. Dezember war’s dann auch endlich soweit. Nachdem es von Nuclear Blast geschützt wurde, als wenn es um ihr Leben ginge, erreichte dieser Output nun endlich das Licht der Welt. Meine Erwartungshaltung war zugegebenermaßen verdammt hoch und so war es naheliegend, dass es eine große Enttäuschung werden könnte. Langes Vorgeplänkel hin oder her. Beschäftigen wir uns nun um das, worum es hier die ganze Zeit geht...

Es gibt viele Bezeichnungen für „Imaginaerum“ und doch kann es keine wirklich treffend umschreiben. Das Album hat eine derart krasse Bandbreite zu bieten, dass es fast unmöglich erscheint, das Paket irgendwie zusammenzufassen. Es wirkt wie eine gigantische Reise, in die man voll und ganz reingezogen wird, insofern man es denn zulässt. Schon das Intro, welches von Marco’s sanfter Stimme umrandet wird, stimmt ordentlich ein und lässt sicher kein Herz stillstehen. Besonders gut gefällt mir, dass das ganze in der Heimatsprache finnisch eingesungen wurde. Passt atmosphärisch sehr gut und vermittelt dieses typische Winterfeeling.

„Storytime“ stampft ordentlich los und zeigt auf, was für eine gigantische Produktion Nightwish hier wieder aus dem Hut gezaubert haben. Das Orchester klingt fetter dennje und alles passt zusammen. Der Song vermittelt dem Hörer keine klare Linie würde ich behaupten. Die Strophen wirken düster und haben so einen leichten Musical touch, wobei ich diesen nicht für übertrieben halte. Der Refrain hingegen wirkt relativ emotional und Anette kommt richtig aus sich raus. Wer hier behauptet, sie hätte eine dünne Piepsstimme, dem ist nicht mehr zu helfen. Da steckt eine ordentliche Wucht hinter und ihre Stimme vermittelt auch einfach etwas. Dazu noch hat sie in den vergangenen 4 Jahren nochmal ordentlich zugelegt, was die Technik anbelangt. Ich habe an ihrer Vocal Performance nicht mal ansatzweise etwas auszusetzen und mit dieser Meinung stehe ich für das komplette Album ein.

Grundsätzlich ist es bei „Imaginaerum“ auch falsch, sich jeden Song vorzunehmen. Ich könnte jetzt auf jeden einzelnen Song eingehen, aber das würde zu weit gehen. Wie bereits weiter oben angesprochen, ist die Bandbreite dieses Werks unfassbar und somit picke ich mir nur ein paar spezielle Songs raus, was nicht heißen soll, dass es überhaupt langweilige Songs auf dem Album gibt, denn es ist durchweg genial und sehr inspirierend.

Mit „Slow, Love, Slow“ wagen sich Nightwish an ein ganz neues Gefilde heran und bringen den Jazz auf die Bühne. Die Grundstimmung bleibt düster, aber Anettes Gesang wirkt sehr filigran. Der Song ist für Nightwish Verhältnisse sehr schwer zu umschreiben, da man hier defintiv ein kleines großes Experiment angegangen ist. Fragt man mich, so sage ich, dass jenes mehr als nur gelungen ist. Hin und wieder mischt auch Marco noch mit und teilt sich mit Anette Teile der Strophe und des simplen, aber intensiven Chorus. Wer hier harte Riffs oder ballernde Drums erwartet, wird aus dem Staunen wohl nicht mehr rauskommen. Hier regiert wie gesagt der Jazz, doch irgendwie schaffen es die Finnen auch hier, den typischen Nightwish Charme aufkommen zu lassen. Das Outro zieht sich zwar etwas, gefällt mir aber dennoch enorm gut. Besonders die Tatsache, dass ein Saxophon zum Einsatz kommt, rechne ich der Band hoch an. Das ist einfach mal was anderes und nutzt sich nicht so schnell ab. Es gibt viel zu entdecken für den Hörer und da man auf „Imaginaerum“ so oder so eine Entdeckungsreise vollzieht, trifft man damit auch den Nagel auf den Kopf.

„Scaretale“ ist wohl der verrückteste und komplexeste Song der Bandgeschichte. Strukturen? Fehlanzeige...Um es mal so auszudrücken, es wirkt, als würden wahnsinnig gewordene Zombies in einem Zirkus ihr Unwesen treiben...Ein stimmiges Intro mit verzerrten und verstörenden Kinderstimmen läutet das Werk ein, ehe eine wunderbare Orchestrierung einsetzt, die einem die Gänsehaut auftreibt. Der Song baut sich nach und nach auf, ehe das Ganze ineinander fließt und am ende in Anette’s Gesang mündet, der vor allem im 2. Part der „Strophe“ sehr krank wirkt. Wie eine Hexe, die gern Kinder zum Frühstück verspeist zeigt die Schwedin, dass sie auch schauspielerisches Talent besitzt, wenn man so will. Sie weiß enorm viel mit ihrer Stimme anzufangen und von daher sehe ich sie auch nach über 4 Jahren ganz klar als Gewinn an. Kommen wir nun zum genialsten Teil des Stücks, dem Mittelpart, wo Marco eine Art verrückt gewordenen Zirkusdirektor raushängen lässt. Es kommt einem vor, als wäre diese Rolle maßgeschneidert für ihn. Sowohl die gelungene Orchestrierung als auch Marco’s Stimme lassen eine gewaltige Atmosphäre aufkommen, die gegen Ende von der 2. Strophe unterbrochen wird, ehe der Song mit einem düsteren Kinderchor seinen Abschluss findet, wobei ich den Leierkasten nicht außen vor lassen möchte.

Des weiteren seh ich mich gewillt, auf die 2. Single einzugehen. „The Crow, the Owl and the Dove“ ist eine ruhige melancholisch angehauchte Ballade, die vor allem von ihrer Emotionalität und der stimmigen Akustikgitarre lebt. Der Refrain ist ruhig, entfaltet allerdings eine gigantische Wirkung. Mich berührt vor allem Marco’s Gesang, der den Song im Übrigen auch geschrieben hat zutiefst und ich kann nur hoffen, dass die Finnen den neben „Slow, Love, Slow“ untypischsten Nightwish Track auch auf die Bühne bringen. Großes Kino! Im C-Teil kommt mit Troy Donockley auch noch ein Gastsänger zum Einsatz, der das Ganze gekonnt abrundet. Wunderschön!

Außen vor bleiben darf natürlich auch nicht der Longtrack „Song of myself“, der ganze 13 ½ Minuten umfasst. Beginnen tut er relativ typisch mit atmosphärischem Orchester und toll inszeniertem Chorgesang. Ich sollte vorher erwähnen, dass der Song so oder so in 4 Parts aufgeteilt wurde, wobei ich dazu sagen muss, dass diese nicht so deutlich zu erkennen sind. Ich persönlich komme auf 3 parts, aber das sei nun mal dahin gestellt. Der erste Part ist mit Sicherheit der imposanteste und aussagekräftigste. Prinzipiell stellt er sich wie ein eigenständiger Song mit 2 Strophen und Chorus dar. Vor allem die Wucht, die dahinter steckt, lässt den Refrain enorm fett wirken. Anschließend kommt es zu einem ruhigeren Instrumentalpart, ehe Freunde der Band „Briefe“ vorlesen. Klingt erstmal langweilig, kommt aber unfassbar emotional daher. Umrandet werden die Stimmen von einem ruhigen schönen Orchesterpart. Besonders toll finde ich einen Satz, der gegen Ende des Stücks vorkommt, Zitat „Paper is dead without words...“ Allein das erzeugte schon wieder Gänsehaut bei mir.

Was soll man nach solch einer Rezension am Ende für Worte finden? Soll ich das Album jetzt ein paar Nightwish Fans empfehlen oder sollte ich besser vorsichtig sein und alle Tarja Anhänger warnen, die Finger davon zu lassen, weil eben jene seit nunmehr 6 Jahren sowieso keinen Anteil mehr an deren Musik hat?
Weder noch...Jeder Mensch, der mit Gefühlen was anfangen kann und bereit ist, eine großartige Entdeckungsreise auf sich einfließen zu lassen, der tolerant gegenüber vielen verschiedenen Mustikstilen ist und Musik von der ersten bis zur letzten Faser liebt, der wird auch dieses Album lieben. Jeder wird dieses Album für sich selbst anders interpretieren und ich habe hier nur meine persönliche Meinung geschildert, wobei ich nicht mal das vermag in Worte zu fassen und aufgrund dessen einfach versucht habe, relativ objektiv zu bleiben. „Imaginaerum“ ist für MICH persönlich mit Abstand das beste Stück Musik, das im Jahre 2011 veröffentlicht wurde, daran besteht kein Zweifel. Am Ende bleibt mir nur noch eines zu sagen: Enter Imaginaerum...

 



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Kommentare zu dieser Seite:
Kommentar von Gideon, 05.12.2011 23:45:13:
Ja! Genau das! Schön, dass nicht nur ich das Album so wahrnehme. Kleiner Nachtrag noch zu "Scaretale": der Teil mit Marco klingt sehr nach Arcturus. Hätte ich niemals erwartet, finde ich aber klasse. Und danke für die Info, dass Troy Donockley das Ende von "The Crow..." singt. War etwas verwirrt durch die Stimme, die definitiv nicht Marcos ist. ;)



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